{"id":1799,"date":"2024-05-10T18:46:26","date_gmt":"2024-05-10T16:46:26","guid":{"rendered":"https:\/\/bi-wollenberg.org\/?p=1799"},"modified":"2026-03-20T08:37:04","modified_gmt":"2026-03-20T07:37:04","slug":"mopsfledermaus-populationsgroesse-ist-derzeit-ungewiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/2024\/05\/10\/mopsfledermaus-populationsgroesse-ist-derzeit-ungewiss\/","title":{"rendered":"Mopsfledermaus: Populationsgr\u00f6\u00dfe ist derzeit ungewiss"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Wochenstubenkolonie der Mopsfledermaus in Elmshausen gilt bundesweit als eine der gr\u00f6\u00dften und bildet die bedeutendste in Hessen. Knapp au\u00dferhalb des FFH-Gebietes in einem historischen Gutshaus gelegen, ist das Quartier ma\u00dfgebend f\u00fcr das Vorkommen der stark gef\u00e4hrdeten Art (Erhaltungszustand: ung\u00fcnstig) innerhalb des Schutzgebietes \u201eLahnh\u00e4nge zwischen Biedenkopf und Marburg\u201c. Entsprechend kommt der \u00dcberwachung und dem Erhalt des Quartiers eine besondere Gewichtung zu.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcngere Zahlen zur Bestandsentwicklung der Kolonie liegen allerdings nur beil\u00e4ufig vor. Anlassbildend f\u00fcr diese erwies sich ein \u00e4u\u00dferer Umstand: Das markante Gutsgeb\u00e4ude war dringend sanierungsbed\u00fcrftig. Insbesondere die stark besch\u00e4digten, eine Vielzahl an Quartierm\u00f6glichkeiten bietenden Naturschieferfassaden bedurften der sukzessiven Erneuerung. Im Fortgang der Instandsetzungsarbeiten galt es daher, Quartierspalten zu erhalten oder neu zu schaffen. Zugleich wurden die Arbeiten durch ein sanierungsbegleitendes Monitoring, beauftragt von der Unteren Naturschutzbeh\u00f6rde des Landkreises Marburg-Biedenkopf, flankiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres erfolgte durch das Marburger \u00f6kologische Planungsb\u00fcro Simon &amp; Widdig. In Form von Ausflugsz\u00e4hlungen am Quartiergeb\u00e4ude wurde die Anzahl der abendlich das Quartier verlassenden Mopsflederm\u00e4use in den Jahren 2017 bis 2023 mehrfach erfasst. Differenziert nach Monat und Jahr ergaben sich folgende Zahlen an ausfliegenden Tieren, wobei methodisch bedingt nicht immer (wie im Juni 2017) allein geschlechtsreife (adulte) Weibchen registriert werden konnten, sondern gelegentlich (wie im August 2017) auch Jungtiere mitgez\u00e4hlt wurden:<\/p>\n\n\n<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/bi-wollenberg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Ausflugszahlen-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bi-wollenberg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Ausflugszahlen-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1566\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Tabelle:<\/strong> Ausfliegende Tiere nach Monat und Jahr.<\/p>\n<p>Nach diesen Erfassungsdaten war die Populationsgr\u00f6\u00dfe im Juni 2017 (45 adulte Weibchen) in etwa so gro\u00df, wie anl\u00e4sslich von Ausflugsz\u00e4hlungen zehn Jahre zuvor im Juli 2007 (46 adulte Weibchen) registriert. \u00c4hnlich hoch wie bei Ausweisung des FFH-Gebiets sahen die Zahlen auch im Jahr 2019 aus. In 2018 und 2020 hingegen waren geringere Koloniegr\u00f6\u00dfen zu verzeichnen, doch fielen diese nicht unter den f\u00fcr die Mopsfledermaus vor Ort festgelegten Schwellenwert von 33 Weibchen. Erst in den Jahren 2021 bis 2023 kam es zu einer signifikanten Verringerung der Population. Diese fiel nun auf etwa die H\u00e4lfte des Schwellenwerts, ab dem der Erhaltungszustand der Art intensiv zu \u00fcberpr\u00fcfen ist, mit nach 2022 weiter abnehmender Tendenz.<\/p>\n<p>Die Biologen des Planungsb\u00fcros erkl\u00e4ren die r\u00fcckl\u00e4ufigen Zahlen plausibel als unbeeinflusst von den am historischen Fachwerkgeb\u00e4ude durchgef\u00fchrten Sanierungsma\u00dfnahmen. Tats\u00e4chlich wurde die sukzessive Erneuerung der beiden schieferbedeckten Fassadenseiten zum Ende des Winters 2016\/17 abgeschlossen und waren danach bis 2019\/20 in Ausflugszahlen positive Ergebnisse zu verzeichnen. Die Negativentwicklung setzte deutlich erst nach 2020 ein. Sie kann demnach nicht in einem Zusammenhang zur Geb\u00e4udesanierung stehen. Vielmehr, so hei\u00dft es die Untersuchungen zusammenfassend, m\u00fcsse ein Kontext zur klimawandelbedingten D\u00fcrre- und Borkenk\u00e4ferkalamit\u00e4t gezogen werden.<\/p>\n<p>Teile der Kolonie, lautet die Annahme der Biologen, h\u00e4tten mit fortschreitendem Sch\u00e4dlingsbefall Quartiere im Wald aufgesucht. Absterbende B\u00e4ume mit abstehender Borke b\u00f6ten ideale nat\u00fcrliche Quartierangebote, die erst nach und nach mit deren Entnahme wieder wegfielen und zu einer R\u00fcckkehr in das angestammte Quartiergeb\u00e4ude in Elmshausen f\u00fchren k\u00f6nnten. \u00dcber Letzteres m\u00fcssten im zeitlichen Abstand weitere Datenerhebungen Aufschluss erweisen. Damit wird von den Bearbeitern des Monitorings ein spekulatives und optimistisches Fazit zugleich gezogen. Ebenso gut denkbar allerdings ist dementgegen auch ein pessimistisches Alternativszenario.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Nationalpark Bayerischer Wald etwa ist anhand von Untersuchungen zwar nachgewiesen, dass durch Borkenk\u00e4ferbefall abgestorbener Nadelbestand ideale Habitate f\u00fcr die Mopsfledermaus bietet, sich durch abplatzende Rinde insbesondere an toten Fichten sogenannte Rindentaschen bilden, die von der Art als Wochenstuben genutzt werden. (Siehe: <a href=\"https:\/\/zslpublications.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/epdf\/10.1111\/acv.12359\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Animal Conservation 21\/2018<\/a>.) Doch scheint die einfache \u00dcbertragung solcher Befunde fraglich, zumal in den Wald- und Jagdarealen im Bereich des Wollenbergs der Stehendbefall bereits 2020\/21 weitgehend entfernt und abgefahren wurde, obendrein die nat\u00fcrlichen und forstwirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort nicht mit den Bedingungen des bayerischen Nationalparks vergleichbar sind.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/bi-wollenberg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Ausflugszahlen-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bi-wollenberg.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Elmshausen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1566\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n<p><\/p>\n<p>Zudem l\u00e4sst auch der zeitliche Verlauf der Borkenk\u00e4ferkalamit\u00e4t bislang keine Korrelation zur Abnahme der Populationsgr\u00f6\u00dfe in Elmshausen erkennen. Nach Angaben des Umweltministeriums lag die Hochphase der Sch\u00e4dlingsplage in Hessen in den Jahren 2018, 2019 und 2020, wurde diese ab dem Jahr 2021 sp\u00fcrbar einged\u00e4mmt und fiel der erneute Stehendbefall in 2022 sowie 2023 eher gering bis allenfalls verhalten aus. (Siehe: <a href=\"https:\/\/umwelt.hessen.de\/sites\/umwelt.hessen.de\/files\/2022-01\/waldzustandsbericht_2021_bf.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waldzustandsbericht 2021<\/a>, S. 23; <a href=\"https:\/\/umwelt.hessen.de\/sites\/umwelt.hessen.de\/files\/2022-11\/waldzustandsbericht_hessen_2022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waldzustandsbericht 2022<\/a>, S. 24; und <a href=\"https:\/\/umwelt.hessen.de\/sites\/umwelt.hessen.de\/files\/2023-11\/waldzustandsbericht_hessen_bf.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waldzustandsbericht 2023<\/a>, S. 25.) Demnach bestand ein Bedingungsgef\u00fcge, das in der Chronologie nicht so recht mit dem Teilauszug der Art aus dem Gutshofgeb\u00e4ude in Einklang zu bringen ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sei auch auf den Zustand der Bechsteinfledermaus innerhalb des FFH-Gebiets \u201eLahnh\u00e4nge zwischen Biedenkopf und Marburg\u201c verwiesen. Deren Koloniegr\u00f6\u00dfen nahmen zuletzt ab. Zu verzeichnen waren R\u00fcckg\u00e4nge, die mit einer Verlagerung der Jagdgebiete vom Wald ins Offenland einhergingen. (Siehe:<a href=\"https:\/\/bi-wollenberg.de\/?p=1720\"> Bechsteinfledermaus: Koloniegr\u00f6\u00dfen im Wollenberg sind r\u00fcckl\u00e4ufig<\/a>.) Dass sich die Konditionen f\u00fcr die eine Waldfledermausart (Myotis bechsteinii) nachhaltig verschlechterten, w\u00e4hrend sich jene f\u00fcr die andere Waldfledermausart (Barbastella barbastellus) zeitgleich immens verbesserten, erscheint nicht nur in Hinsicht auf \u00e4hnliche Jagdhabitate stark erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Angesichts dessen muss die Populationsgr\u00f6\u00dfe der Mopsfledermaus vor Ort derzeit als ungewiss bezeichnet werden. Nach drei Jahren des Unterschreitens des Schwellenwerts von 33 Tieren in Folge erwiese sich eine intensive \u00dcberpr\u00fcfung des Erhaltungszustands der Art als angebracht. F\u00fcr die Beauftragung eines solchen Monitorings jedoch zeichnete die Obere Naturschutzbeh\u00f6rde verantwortlich. Diese \u2013 beim Regierungspr\u00e4sidium Gie\u00dfen angesiedelte Verwaltungseinheit \u2013 ist offiziell f\u00fcr die Sicherung und Betreuung der FFH-Gebiete in Mittelehessen zust\u00e4ndig. In Angelegenheiten des Schutzgebietes vor Ort hat sie sich freilich bislang noch nicht sonderlich hervorgetan.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong><br \/>Im Rahmen der <a href=\"https:\/\/natureg.hessen.de\/resources\/recherche\/Schutzgebiete\/GI\/GDE\/5017_305_txt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grunddatenerhebung f\u00fcr das FFH-Gebiet 5017-305<\/a> aus dem Jahr 2009 wurde die Populationsgr\u00f6\u00dfe der Wochenstubenkolonie Elmshausen in vorangegangenen Ausflugsz\u00e4hlungen mit etwa 46 adulten Weibchen ermittelt. Gleichzeitig wurde dort ein Schwellenwert von 33 Weibchen benannt, unter den die Koloniegr\u00f6\u00dfe nicht absinken darf und ab dem der Erhaltungszustand der Art intensiv zu \u00fcberpr\u00fcfen ist. Die Zahlen und Ergebnisse des hier vorgestellten sanierungsbegleitenden Monitorings am Gutshaus Elmshausen f\u00fcr die Jahre 2017\u20132023 sind folgenden Jahresberichten entnommen:<\/p>\n<ul>\n<li>Simon &amp; Widdig 2019: Wochenstubenquartier der Mopsfledermaus in Dautphetal-Elmshausen. Sommerliche Kontrollen nach der Sanierung der Ostfassade des Wohnhauses auf dem Rittergut in Elmshausen in den Jahren 2017 und 2018.<\/li>\n<li>Simon &amp; Widdig 2024: Wochenstubenquartier der Mopsfledermaus in Dautphetal-Elmshausen. Sommerliche Kontrollen nach der Sanierung der Westfassade des Wohnhauses auf dem Rittergut in Elmshausen. Zusammenstellung der Daten der Jahre 2019\u20132023.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Beide Berichte wurden nach dem Hessischen Umweltinformationsgesetz (HUIG) in Verbindung mit dem Hessischen Datenschutz- und Informationsfreiheitsgesetz (HDSIG) beantragt und von der Unteren Naturschutzbeh\u00f6rde zugestellt.<\/p>\n<p><strong>Bild oben [mittig]:<\/strong><br \/>Rittergut Elmshausen in Dautphetal [Sicht aus Richtung Norden]\n<br \/>Quelle: bi-wollenberg.de\/, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wochenstubenkolonie der Mopsfledermaus in Elmshausen gilt bundesweit als eine der gr\u00f6\u00dften und bildet die bedeutendste in Hessen. Knapp au\u00dferhalb des FFH-Gebietes in einem historischen Gutshaus gelegen, ist das Quartier ma\u00dfgebend f\u00fcr das Vorkommen der stark gef\u00e4hrdeten Art (Erhaltungszustand: ung\u00fcnstig) innerhalb des Schutzgebietes \u201eLahnh\u00e4nge zwischen Biedenkopf und Marburg\u201c. Entsprechend kommt der \u00dcberwachung und dem Erhalt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1837,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1799","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","loop-entry clr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1799","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1799"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1799\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2013,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1799\/revisions\/2013"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1837"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bi-wollenberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}